Fehmarnbelt Querung
Die feste Querung des Fehmarnbelts zwischen Puttgarden (Fehmarn) und Rødby (Lolland, Dänemark) ist ein seit Juni 2007 von den Verkehrsministern Deutschlands, Dänemarks und Schleswig-Holsteins vereinbartes Projekt und das größte Infrastruktur-Projekt in Europa. Geplant ist entweder die Konstruktion einer Brücke oder eines Tunnels.
Es sind insgesamt sieben unterschiedliche Gutachten zu Tierartengruppen und Umweltfaktoren in Auftrag gegeben. BioConsult SH untersucht im Rahmen einer Umweltverträglichkeitsstudie die potenziellen Auswirkungen eines solchen Bauwerks auf die drei in der Ostsee vorkommenden marinen Säugetierarten sowie auf Rast- und Zugvögel (Auftraggeber: Femernbelt A/S).
Marine Säuger
Die Untersuchungen zu den marinen Säugern werden im Rahmen einer internationalen Kooperation mit sechs Institutionen aus vier europäischen Ländern unter der Leitung von BioConsult SH durchgeführt. Das Projekt ist in verschiedene Teilprojekte aufgeteilt, wobei sich die Datenaufnahme im Wesentlichen auf die Untersuchung der beiden Arten Schweinswal und Seehund konzentriert, da Kegelrobben nur in sehr geringer Anzahl in dem Gebiet vorkommen.
- Seehund:
Satelliten-Telemetrie von Seehunden:
Seehunde, die regelmäßig auf der dem geplanten Bauwerk am nächsten gelegenen Sandbank „Rödsand“ (Dänemark) ruhen, wurden mit Sendern ausgestattet um die Gebietsnutzung der Tiere in Bereich des Fehmarnbelts zu erforschen.
Zählungen der Seehundbestände aus der Luft:
Regelmäßige Zählungen der rastenden Seehunde und Kegelrobben auf den Sandbänken vor der Küste Dänemarks wurden aus einem Flugzeug durchgeführt. Hierzu wurden gezielt die bekannten Ruheplätze auf den Sandbänken angeflogen und die Tiere aus einer Höhe fotografiert, die sicherstellt, dass die Tiere nicht vom Flugzeug gestört werden.
- Schweinswal:
Vorkommen und Verbreitung des Schweinswals mittels Flugzeugzählungen:
Einmal pro Monat wurde das Seegebiet um die geplante Querung großräumig auf vorgegebenen Transekten mit zweimotorigen Flugzeugen abgeflogen und alle Schweinswalsichtungen protokolliert. Somit können Verbreitungskarten der Tiere abhängig von der Jahreszeit erstellt werden.
Zählungen von Schweinswalen von der Fähre Rødby -Puttgarden:
Zur weiteren Bestandsaufnahme der Verteilung von Schweinswalen im Gebiet der geplanten Brücke wurden zweimal pro Monat Zählungen von den Scandline Fähren zwischen Puttgarden und Rødby durchgeführt. Zwei Beobachter standen hierzu auf der Brücke der jeweiligen Fähre und nahmen alle gesichteten Tiere auf. Diese Daten ergänzen die Ergebnisse der anderen Studien und geben zusätzliche Hinweise über die saisonale Verteilung von Schweinswalen.
Vorkommen und Verbreitung des Schweinswals mittels akustischer Methoden:
An 27 Positionen mit verschiedenen Abständen zur geplanten Querung (bis maximal 45 km) wurden spezielle Hydrophone ausgebracht, die die Ultraschall-Klicklaute der Schweinswale kontinuierlich aufzeichnen. Solche so genannten „Schweinswal-Detektoren“ erlauben Rückschlüsse auf das Vorkommen und die Gebietsnutzung von Schweinswalen. Darüber hinaus können sie einen Einblick in mögliche Verhaltensweisen der Tiere geben.
Eine wichtige Voraussetzung für den Einsatz dieser Methode ist die Kalibrierung der Hydrophone um sicherzustellen, dass die Geräte auch das Gleiche aufzeichnen. Hierfür wurden umfangreiche Kalibrierungsexperimente durchgeführt.
Fallstudie zum Barriere-Effekt durch Brücken-Konstruktionen
Ziel der Beobachtungen ist es herauszufinden, ob eine Brücke als eine Art Barriere für Schweinswale fungieren könnte, da diese sich wie Fledermäuse durch Echoortung fortbewegen. Das Verhalten von Meeressäugern in Bezug auf Brücken ist bis dato unerforscht. Das Ergebnis der Studie ist essentiell für den Fortbestand der östlichen Schweinswalpopulation, die stark dezimiert ist und auf genetischen Austausch angewiesen ist. Eine Barriere durch die geplante Fehmarnbeltbrücke wäre als sehr kritisch zu betrachten.
Im Zuge der geplanten Brücke über den Fehmarnbelt wurden landbasierte Beobachtungen an der Großen Belt Brücke zwischen Fünen und Seeland (Dänemark) durchgeführt.
Neben den landbasierten Beobachtungen wurden Zählflüge durchgeführt, um Schweinswaldichten nördlich und südlich der Großen Belt Brücke zu erheben. Ergänzt wurden die Untersuchungen durch 28 PODs, die nördlich, südlich sowie direkt unter der Brücke montiert waren und so zusätzliche Hinweise auf das Verhalten der Schweinswale nahe der Brücke liefern.
Lärm-Emissionen
Da sich marine Säugetiere akustisch unter Wasser orientieren ist es essentiell, dass sie nicht durch anthropogenen Lärmeintrag am „Hören“ gehindert werden. Daher geht ein weiteres Teilprojekt auf akustische Störgeräusche im Fehmarnbelt ein. Über die breitbandige Messung von Unterwasserschall an mehreren Messstellen im Fehmarnbelt soll eine Modellierung erfolgen, die eine „akustische Unterwasserkarte“ erstellt. Die Messstationen stimmen mit den Stationen der Schweinswal-Detektoren überein. Daher kann sehr genau untersucht werden, welchen Effekt Unterwasserschall auf das Vorkommen von Schweinswalen hat. Neben der aktuellen Schallbelastung dient diese Analyse auch dazu, den potentiellen Lärmeintrag durch eine Brücke oder einen Tunnel, bzw. durch den Bau dieser Konstruktionen abzuschätzen und darzustellen.
Vögel
BioConsult SH erstellt ornithologische Fachgutachten im Joint Venture mit DHI, Hørsholm und weiteren Projektpartnern (biola, Universität Kopenhagen, Marine Observers). Auch dieses Projekt ist in verschiedene Teilprojekte aufgeteilt, die neben den Rast- und Zugvögel auch Raumnutzung und Nahrungssuche verschiedener Entenarten untersuchen.
- Rast- und Zugvögel
Im Fokus dieser Untersuchungen stehen vor allem die Erfassung ziehender Vögel, welche von Feldstationen auf beiden Seiten der möglichen Querung und von wechselnden offshore Standorten im Fehmarnbelt durchgeführt wurden. Neben Zugplanbeobachtungen und akustischen Erfassungen in den Jahren 2009 und 2010 kamen eigene Schiffsradargeräte und in Kooperation mit der Schweizerischen Vogelwarte das Zielverfolgungsradar „Superfledermaus“ zum Einsatz, um über den visuell sichtbaren Vogelzug hinaus Vögel in größeren Höhen und Entfernungen und vor allem nachts zu erfassen bzw. drei-dimensionale Zugwege aufzuzeichnen.
Regelmäßige Schiffs- und Flugzeugzählungen lieferten Daten zu rastenden Vögeln im Gebiet zwischen Kieler Förde und Gedser.
Im Ergebnis wird ein vollständiger Überblick über das Vorkommen bzw. die Zugbewegungen von Vögeln im und am Fehmarnbelt für die Jahre 2009 und 2010 in Abhängigkeit von Jahreszeit und Wetter vorliegen. Diese Daten werden ergänzt durch zurückliegende Datenreihen in Bezug auf Zug- und Rastvögel.
Zusätzliche Untersuchungen an existierenden Brücken im Ostseeraum (Großer Belt, Farösund, Kalmarsund, Öresund) liefern Daten zum Verhalten ziehender Vögel an Brücken und können somit Aufschluss über mögliche Barrierewirkungen oder Kollisionsrisiken geben.
- Nahrungsökologie und Telemetrie von Enten im Bereich Fehmarnbelt
Im Rahmen der ornithologischen Untersuchungen zur geplanten festen Fehmarnbelt-Querung untersuchten wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Partnern die Ökologie der um Fehmarn überwinternden Enten mittels Telemetrie und Nahrungsanalysen. Der Schwerpunkt unserer Forschung liegt hierbei auf den Arten Eider-, Eis- und Reiherente, die jeweils in erheblichen Zahlen das Gebiet der Ostsee um Fehmarn als Nahrungs-, Rast- und Überwinterungsgebiet nutzen.
Um Daten zu Aufenthaltsort, -dauer und großräumigen Bewegungen wie etwa Rast- und Nahrungsplatzwechsel und Zug der Enten zu erhalten, wurden Eider-, Trauer-, Eis- und Reiherenten mit Satelliten-Sendern ausgestattet. Bei einigen der im März 2009 besenderten Eiderenten konnte auf diese Weise bereits der komplette Zugweg vom Überwinterungsgebiet zu den Brutgebieten über das Wattenmeer zurück in den Fehmarnbelt nachvollzogen werden.
Aktuelle Informationen und Karten finden Sie auch hier.
Eine Methode, um sowohl präzisere Positionsinformationen über die Tiere zu erhalten wie auch das Tauchverhalten der Tiere zu dokumentieren, ist die Radio-Telemetrie. Mit einem auf einer definierten Frequenz sendenden Transmitter ausgerüstet lässt sich eine Ente über mehrere Kilometer hinweg mittels Antenne und Receiver anpeilen und über Triangulation der Aufenthaltsort des Tiers bestimmen.

Da die Übertragung des Funksignals nur oberhalb der Wasseroberfläche funktioniert, lässt sich mittels Beobachtung bzw. Aufzeichnung des Signals auch ohne Sichtkontakt zum Individuum feststellen, wann und wie lange die Ente taucht. Mit Hilfe zusätzlicher Informationen wie Wassertiefe, Nahrungsverfügbarkeit im Gebiet oder Energiegehalt der Nahrung lässt sich anhand des Tauchverhaltens das Energie-Budget der Enten kalkulieren und über Modellierung (IBM) Vorhersagen über mögliche Auswirkungen des Bauvorhabens auf die Tiere machen. Wichtige Informationen hierzu liefern auch die innerhalb des Projekts durchgeführten Mageninhalts-Analysen von toten Enten.
Ergänzende Datenanalysen über Habitatqualität, Nahrungsverfügbarkeit und mögliche Auswirkungen der Klimaentwicklung erlauben über diese Basisdaten hinaus Vorhersagen möglicher Zu- oder Abnahmen der untersuchten Vogelarten in der näheren Zukunft.